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Von der Segelflug-AG ins Airbus-Cockpit Drucken E-Mail

Flugsport: Maximilian Stieber aus Affstätt steht kurz vor dem Abschluss seiner Pilotenausbildung

Kindheitstraum? Klingt irgendwie abgedroschen. Aber manchmal trifft es den Nagel eben genau auf den Kopf. „Ich habe als Junge in Affstätt vom Balkon schon immer die Flieger gesehen, wie sie Stuttgart ansteuern“, erzählt Maximilian Stieber. Früh war für ihn klar, dass er einmal im Cockpit einer solchen Maschine sitzen will. Heute ist der 23-Jährige auf dem besten Weg, seinen Traum zu verwirklichen. Stieber steckt mitten in der Ausbildung zum Berufspiloten bei einer deutschen Fluggesellschaft.
Die Grundlagen hat Stieber beim Flugsportverein Herrenberg gelernt. Mit 14 kam er über die Segelflug-AG in der Schule zum FSV. Ein knappes Jahr dauerte es, bis der Neuling zum ersten Mal alleine mit dem Flieger nach oben gezogen wurde. Ein Augenblick, den Stieber bis heute nicht vergessen hat. Eben einer dieser Meilensteine auf dem Weg zum ganz großen Ziel. In den Jahren beim FSV Herrenberg hat der junge Mann Erfahrungen gesammelt, die ihm heute zugutekommen. Wie fliegt man Kurven? Wie schafft man es, die ganzen Instrumente im Blick zu behalten? Wie überwacht man den Flugraum? „Es gab Kollegen, die am Anfang zum Beispiel mit den Instrumenten überfordert waren. Das war für mich nicht die entscheidende Herausforderung“, sagt Stieber. Er weiß aus vielen Stunden im Segelflieger, wie es sich anfühlt, wenn die Strömung abreißt. „Sehr schwammig. Das wird in der Ausbildung jetzt ganz bewusst gemacht. Da tastet man sich ran.“

So geht es den Flugschülern auch mit den großen „Vögeln“. Bevor die Piloten in spe das erste Mal im Cockpit eines kleinen Ausbildungsflugzeugs sitzen, müssen sie ein langes Jahr Theorie-Unterricht über sich ergehen lassen. Wetterkunde und Navigation stehen unter anderem auf dem
Stundenplan. Immerhin dürfen die jungen Männer und Frauen auch in dieser trockenen Zeit schon einmal am zukünftigen Job schnuppern. Auf sogenannten Strecken-Erfahrungs-Flügen. „Ich bin im Airbus A321 von Frankfurt nach Rom und zurück geflogen“, berichtet Stieber. Die Auszubildenden sitzen als dritter Mann im Cockpit und dürfen Fragen stellen. Stieber war bereits bei allen Flugvorbereitungen am Boden dabei. Von der Besprechung des Wetters bis zum Außencheck des Flugzeugs – alles aus nächster Nähe. „Da stellt man sich schon vor, wie es wäre, jetzt selbst zu fliegen.“ Doch das bleibt zunächst einmal ein Traum. Aus dem Cockpit geht es zurück auf die Schulbank. „Nach einem halben Jahr gibt es dann die erste Zwischenprüfung. Dann wird das Wissen in den kommenden sechs Monaten auf größere Flugzeuge übertragen.“ Der Abschluss des ersten Abschnitts der Ausbildung hat es in sich. Die dreitägige Prüfung beim Luftfahrtbundesamt in Braunschweig ist für viele Teilnehmer eine unüberwindbare Hürde.
Nicht für Stieber. „Ich habe mich einen Monat lang darauf vorbereitet.“ Im Hinterkopf immer die große „Belohnung“: Die praktische Ausbildung im amerikanischen Phoenix. Bis zum 12. November 2009 dauerte die theoretische Prüfung. Nur sieben Tage später saß der Affstätter zusammen mit 26 anderen Flugschülern im Flieger in die USA. Der Start in eine völlig neue Welt, die für die kommenden fünf Monate Stiebers Heimat werden sollte. „Es war schon ein wenig komisch, Weihnachten nicht mit der Familie zu verbringen“, blickt er zurück. Schwamm drüber. Die Faszination war viel größer als das Heimweh. Stieber kaufte zusammen mit zwei Kollegen abreisenden Flugschülern ein Auto ab, machte es sich im Wohnheim auf dem Campus der Flugschule so gemütlich wie möglich und genoss Ausbildung und Leben. „Wir haben uns Los Angeles, San Francisco, Las Vegas und den Grand Canyon angesehen. Das lag ja alles in Schlagdistanz“, erinnert sich der 23-Jährige.
Alles schön und gut. Aber der größte Knüller war der erste Flug am Steuerknüppel der  viersitzigen Bonanza. Ein echter Wow-Effekt. „Das Abheben war riesig. Das Gefühl, dass ich zum ersten Mal ein Flugzeug in die Luft gebracht habe. Zu wissen, dass ich einen weiteren wichtigen Schritt Richtung Berufspilot gemacht habe...“ Der sonst so nüchtern wirkende Stieber gerät ins Schwärmen, wenn er die Bilder noch einmal vor dem geistigen Auge ablaufen lässt.
Die Nervosität ist bei den ersten Flügen groß. Der Fluglehrer rechts vom Piloten hat alles im Auge. „Da ist viel Respekt dabei. Schließlich wird man für jeden Flug auch bewertet“, schildert Stieber die immer wiederkehrende Prüfungssituation. Die Lehrlinge im Cockpit müssen jede Flugbewegung ansagen. Der Fluglehrer nimmt die Manöver genau unter die Lupe. Am kniffligsten sind am Anfang die Landungen. „Es ist nie etwas kaputtgegangen, aber es gab schon Landungen, bei denen der Fluglehrer eingegriffen hat“, erinnert sich Stieber. Im April letzten Jahres war das Abenteuer Phoenix vorbei. „Die beste Zeit meines Lebens“, meint Stieber.
Zurzeit verbringt der zukünftige Pilot nach einem Jahr Ausbildungspause viel Zeit im Flugsimulator. Die Flüge in einer Cessna Citation – ein kleiner Jet für sechs Personen – werden realitätsnah geprobt. „Das ist schon sehr echt, auch wenn sich dieser Simulator nicht bewegt“, sagt Stieber. 60 Stunden „fliegt“ er im Rahmen des Ausbildungsabschnitts als Pilot, dieselbe Zeit nochmals als Co-Pilot. Lediglich 15 Stunden Flugzeit bekommen die Flugschüler real in der Luft. Bis Ende August muss Stieber drei Prüfungen im Simulator hinter sich bringen. Dann geht’s frühestens ab Mitte September in das sogenannte Type Rating. Auf dem Airbus 320 – voraussichtlich sein zukünftiger Maschinentyp – wird der Affstätter als dritter Mann im Cockpit quer durch Europa düsen. Nach dieser kurzen Phase kommt es zum Schwur: Bekommt er einen Vertrag als Co-Pilot? „Zurzeit sieht es so aus, als würden wir gebraucht. Wir würden eigentlich schon jetzt auf der Linie benötigt“, sagt Stieber. Er würde lieber heute als morgen durchstarten.

Robert Stadthagen

Bericht im Gäubote vom 08.06.2011

Zuletzt aktualisiert am Donnerstag, den 23. Juni 2011 um 07:07 Uhr
 
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